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Cannabis und die potenziell auftretenden Wechselwirkungen bei Polymedikation

31.01.2024

Bei der Behandlung von Palliativpatienten, die häufig unter Polymedikation stehen, wird zunehmend medizinisches Cannabis zur Linderung von Symptomen eingesetzt. Dies bringt jedoch Herausforderungen in Bezug auf mögliche Wechselwirkungen mit anderen Medikamenten mit sich.

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung in Deutschland schätzt, dass 2021 etwa 19 % aller Patienten im Rahmen einer Arzneimitteltherapie in mindestens zwei Quartalen fünf oder mehr verschreibungspflichtige Wirkstoffe erhalten haben. Besonders ältere Patienten über 65 Jahren sind von dieser Problematik betroffen. Die Interaktionen zwischen verschiedenen Wirkstoffen können komplexe Auswirkungen haben, insbesondere wenn medizinisches Cannabis zur Dauermedikation hinzukommt.

Obwohl Cannabis als gut verträglich und nebenwirkungsarm gilt, können durch seine Verstoffwechselung in der Leber Interaktionen mit anderen Medikamenten auftreten. THC und CBD, die Hauptwirkstoffe in Cannabis, werden größtenteils über das Leberenzym CYP3A4 metabolisiert. Die Metaboliten von THC, wie THC-COOH, verbleiben länger im Blutplasma und können die Aktivität wichtiger Leberenzyme hemmen. Dies kann die Wirksamkeit und Sicherheit anderer Medikamente beeinflussen, insbesondere von Immunsuppressiva oder Blutgerinnungshemmern, die ebenfalls über CYP3A4 verstoffwechselt werden. Zusätzlich ist das Leberenzym CYP2C9 an der Metabolisierung von THC beteiligt.

Studien, wie eine pharmakokinetische Untersuchung mit dem CYP3A4-Inhibitor Ketoconazol, zeigen, dass solche Inhibitoren die Konzentrationen von THC und CBD nahezu verdoppeln können. Dies könnte die psychoaktive Wirkung von THC verstärken. Ähnliche Effekte sind auch mit anderen CYP3A4-Inhibitoren wie bestimmten Antibiotika oder Calciumkanalblockern möglich.

In der Praxis ist es daher essenziell, dass Patienten fachgerecht beraten werden. Mögliche Wechselwirkungen mit Medikamenten, die die Blutgerinnung beeinflussen, Benzodiazepine oder Substanzen, die das Zentralnervensystem beeinflussen, sollten besonders beachtet werden. Patienten sollten auch über mögliche verstärkte Effekte von Cannabinoiden bei gleichzeitiger Einnahme von CYP3A4- und CYP2C9-Inhibitoren informiert werden.

Die Wechselwirkungen können zu einer erhöhten oder verminderten Wirkung der Medikamente, neuen oder verstärkten Nebenwirkungen, einer Verschlechterung der Grunderkrankung oder sogar Notfallsituationen führen.

Bei korrekter Anwendung kann Medizinalcannabis für Patienten eine effektive Therapieoption sein. Eine kanadische Studie beobachtete 1145 Cannabis-Patienten über sechs Monate und stellte fest, dass die Anzahl der Patienten, die gleichzeitig Opioide einnahmen, von 28% auf 11% gesunken ist, und eine Dosisreduktion der Opioide um 78% erreicht wurde.

Es wird deutlich, dass eine sorgfältige und individuelle Beratung und Überwachung bei der Verwendung von Medizinalcannabis in der Polymedikation von entscheidender Bedeutung ist, um eine sichere und effektive Behandlung zu gewährleisten.

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